Triptane

Migräne Experten (Juli 2003)

TriptaneDemnächst werden die Ergotamine als Migränemittel aus dem Handel genommen.
Insbesondere bei lang andauernden Migräneattacken eingesetzt, gelten sie eigentlich als unbedenklich, solange keine Durchblutungsstörungen bestehen und nicht mehr als 3 – 4 Tabletten pro Monat verwendet werden. Nur: Ergotamine kosten als Migränemittel lediglich 25 bis 35 Cent pro Tablette, während Triptane mit 7 – 10 Euro pro Tbl. gehandelt werden.

Pünktlich kommen über die Pharmareferenten Vorabinformationen in die Arztpraxen: Man könne die Ergotaminpatienten ja schon mal auf Triptane vorbereiten.

Dr. Pfaffenrath gib dazu Therapieempfehlungen heraus. Ehemals lauteten diese: Im Anfall erst MCP plus ASS oder Paracetamol und bei fehlender Wirkung: Triptane.

Jetzt neu: Erst Triptane und bei Kontraindikationen: MCP plus ...merkwürdig?!

Prof. Diener, der Herr der tausend Studien, gibt bei seinen Behandlungsvorschlägen Neutralität vor, indem er fröhlich auf eine Liste von ca. 30 Pharmafirmen verweist, die seine verschiedenen Arbeiten mitfinanziert hätten. Somit könne er es sich gar nicht erlauben, parteiisch zu sein. Nur: Nicht medikamentöse Therapieverfahren fallen dabei hinten runter!

Prof. Göbel wird zitiert mit: „Triptane haben die Möglichkeit der Akuttherapie von Migräneanfällen derart verbessert, dass die Prophylaxe an Bedeutung verloren hat.“ – Wie bitte?!

Und Dr. Brand, der sich mit seiner Klinik seit Jahrzehnten gerade um die vorbeugende Behandlung von Migränepatienten bemüht, tourt jetzt mit Ascotop durch die Republik und empfiehlt jedem Patienten sich notfalls mehrere Ärzte „zu halten“, um auf die ihm angeblich zustehenden 10 – 12 Triptane im Monat zu kommen.

Ist diese Verschiebung der Therapieschwerpunkte von der Prophylaxe zur Akuttherapie wirklich im Sinne der Patienten? Wird da keinem unbehaglich? Ich will keine Paranoia schüren und freue mich auch über solch relativ nebenwirkungsarme und effektive Medikamente wie die Triptane aber am besten finde ich noch die, die als Reservemittel in der Hosentasche bleiben.

Dies ist keine Verschwörungstheorie sondern beschreibt - sarkastisch ausgedrückt - eine Sonderform der Emanzipation von Migränepatienten: Sie wurden als Wirtschaftsfaktor erkannt und werden umworben. Konnte eine Migräneattacke früher noch für rund 50 Cent coupiert werden (Ergotamine, MCP plus ASS oder Paracetamol), so liegt das "empfohlene Level" jetzt bei 10 - 20 Euro pro Anfall. Soviel muß der Schmerz schon wert sein!

Noch ein Beispiel? : Eine Tablette eines schnell resorbierbaren Diclofenacs mit 75 mg Wirkstoff kostet rund 20 Cent. Wandert das Pillchen unwesentlich verändert als 50 mg Tablette in eine Schachtel mit der Aufschrift "Voltaren K Migräne", dann kostet es gleich stolze 3 Euro 30. Das nenne ich Karriere!
Ich weine den Ergotaminen keine Träne hinterher und es ist gut, daß über deren mögliche Nebenwirkungen so intensiv berichtet wird und die Migränepatienten entsprechend aufgeklärt werden. Trotzdem gibt es etliche Leute, denen die Ergotamine als Tablette oder Zäpfchen etwas Positiveres gebracht haben als Dauerkopfschmerz und Medikamentenabhängigkeit.

Und selbstverständlich hatten auch diese Medikamente bis vor wenigen Monaten noch ihre prominenten Fürsprecher.

Und passend zum Thema...
Die Firma Krewel Meuselbach GmbH hat sich doch noch ein Herz für Patienten mit guter Ergotaminerfahrung bewahrt. Sie gibt in einer Anzeige Empfehlungen der DMKG (Deutsche Migräne und Kopfschmerzgesellschaft) weiter: "Die DMKG empfiehlt die Behandlung mit Mutterkornalkaloiden insbesondere für Patienten mit sehr langen Migräneattacken oder solchen mit multiplen recurrences.
Anerkannte Migränespezialisten haben sich für den Erhalt der Ergotamin-Therapie, als Reservetherapie, ausgesprochen."

Die Firma wird nach ihren Angaben auch weiterhin in die Forschung mit Ergotaminpräparaten investieren.

Umgesetzt ins Präparatedesign ergibt sich jetzt folgendes Bild:
20 Tbl. "Ergo-kranit mono 2 mg" (Wirkstoff = Ergotamintartrat) kosteten bis dato 10,23 €.
6 Tbl. Ergotamintartrat heißen jetzt "Ergo-Kranit akut 2mg" und kosten nun 24,80 € !!!
Zitat der Firma: "Mit der therapiegerechten Packung zu 6 Tbl (N1) wird Ergo-Kranit akut 2 mg auch den Sicherheitsaspekten der Ergotamintherapie gerecht."
Honny soit qui mal y pense.

Für etliche altbekannte Präparate aus den verschiedensten Bereichen wird von der Arzneimittelkomission eine Art Nachzulassung für proklamierte Indikationen gefordert. Grund: Man möchte eine "evidenzbasierte Therapie" (= einleuchtend, augenscheinlich). Hier: Ergotamintartrat und Migräne. Um diese Nachzulassung zu erhalten, müssen die herstellenden Firmen wieder einigen finanziellen Aufwand leisten. Ergotamine haben wohl das Handicap, daß sie in der Substanzklasse nicht mehr patentgeschützt sind, wie die Triptane. So kann diese Präparate praktisch jede Firma vertreiben, mit entsprechenden Risiken für die Preisgestaltung - da ja Generika hergestellt werden können. Eventuell gibt es auch daher so wenige Interessenten und natürlich wegen der übermächtigen Konkurrenz der Triptane, die ja unbestritten ihre Vorteile haben. "Ergo-kranit akut 2 mg" gibt es also auch in normalen deutschen Apotheken seit dem 01.07.03. Anscheinend liegen hier die geforderten Studien vor.

Dafür kostet die Tablette Ergotamintartrat 2 mg jetzt eben 4,13€ statt 0,51€. - Evidenzbasiert natürlich.