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Die Migränespritze

BotoxFür Patienten mit chronischer Migräne gibt es neue Präparate zur Prophylaxe, die mit großen Hoffnungen erwartet und mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht sind.

Es sind dies Spritzen mit Antikörpern gegen sogenannte Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder deren Rezeptoren. CGRPs kommen im Zentralnervensystem vor und gehören dort zu den am stärksten Gefäß relaxierenden, also erweiternden Substanzen. Im Bereich der Kranialarterien verschlimmern sie vermutlich entzündungsunterstützend den Ablauf der Migräne.

Von den Spritzen wird erwartet, dass sie eine vorbeugend antientzündliche Wirkung haben und dadurch die Anzahl der Migränetage pro Jahr reduzieren. Sie wirken vorbeugend, sind also nicht für den Akutfall gedacht!

Die Spritzen können im Bedarfsfall vom Neurologen zu Lasten der Krankenkasse verordnet werden und der Patient spritzt sie sich dann in der Regel selbst einmal pro Monat subkutan in den Bauch oder den Oberschenkel.

Wirksamkeitsnachweise wurden bisher fast ausschließlich über sehr kurze Dokumentationsphasen von nur 3 oder 6 Monaten erbracht. Wie sich in zahlreichen anderen Therapieformen der Migräne gezeigt hat, ist der Placeboeffekt umso größer desto kürzer die Anwendungsphase ist. In der Regel liegt er bei Migräne bei rund 30 Prozent!

Die Behandlungskosten für die neuen Spritzen liegen pro Patient im Jahr je nach Dosis zwischen 8.000 und 16.000 Euro und stoßen damit in bisher unbekannt hohe Dimensionen. Angemessen, wie die herstellenden Firmen meinen, da es sich um neue Substanzgruppen handelt, die mit hohen Entwicklungskosten verbunden sind.

Unangemessen und nicht kosteneffektiv meinen die Verantwortlichen im britischen Gesundheitssystem von NICE und versagen einem Präparat wie Aimovig von Novartis die Zulassung bzw. Kostenübernahme.

Man könnte meinen, die armen Briten müssten halt aufs Geld schauen aber auch so kann Verantwortung für die gemeinsamen Ressourcen aussehen.

In Deutschland sind die meisten meinungsbildenden Neurologen auf ihren Vorträgen davon begeistert, dass die neuen Prophylaxemittel so viel weniger Nebenwirkungen haben als die von ihnen selbst zuvor beworbenen Präparate, wie Botox oder Topiramat (Topamax). Das ist wohl wahr aber auch diesen Behandlungsansätzen konnten ich und die meisten unserer Patienten noch nie viel Positives abgewinnen. (Siehe auch entsprechende Beiträge auf migraenekur.de).

Meiner Erfahrung nach sind bei der Migränetherapie folgende wichtige Komponente sinnvoll: Zunächst eine Aufklärung über die Besonderheiten der Erkrankung, dann eine Diskussion über individuell Kopfschmerz auslösende Faktoren mit u.a. verhaltenstherapeutischen Empfehlungen und oder physikalischer Therapie sowie eine Beratung zu effektiver Medikation in Akuttherapie und Prophylaxe. Mit Einsatz der neuen Antikörpertherapien erfolgt jedoch eine mit nichts zu vertretende Umverteilung der aufzuwendenden Geldmittel in deren Gebiet bis über 95%!!!!

Die Kassenärztliche Vereinigung ist übrigens seit einigen Jahren nicht mehr bereit, die Kosten für psychosomatische Therapiegespräche zu übernehmen, wenn die Diagnose des Patienten „Migräne“ lautet! Da muss dann der Therapeut seinem Patienten Zusatzdiagnosen aus dem Kapitel F des ICD-Katalogs (= psychische- und Verhaltensstörungen) als „gesichert“ hinzufügen, wie „Reaktion bei Belastung “ oder „Somatisierungsreaktion“ um einen Anspruch auf Honorierung zu erlangen. Andernfalls riskiert der Behandler einen Honorarverlust oder gar einen Regress. Diese Vorgaben sind unverständlich, überflüssig und bedeuten häufig eine nicht zu vertretende Psychiatrisierung der Betroffenen!

Während bei den persönlich erbrachten Leistungen der Therapeuten eine rigide Kontrolle von Seiten der KV erfolgt, wird auf der anderen Seite das Geld mit vollen Händen in fragwürdige medikamentöse Maßnahmen geschüttet. Da bin ich dann schon eher bei den Briten!


Dr. Andreas Pfaff
Bad Endbach im April 2019