Diskussion
Therapie ohne Psyche ?!
"Migräne ist keine psychische Erkrankung!"
Dieser Satz in seiner Absolutheit ist leider ebenso undifferenziert wie auch
für die Therapie vieler Patienten ausgesprochen kontraproduktiv. Er zeugt, wenn
auch von einigen Neurologen geäußert, von wenig Verständnis für die Komplexität
der Krankheitsentstehung und ich fürchte, dass dadurch etliche Betroffene von
einer multimodalen Behandlung abgehalten werden.
Richtig müsste es wohl heißen: "Migräne ist keine eingebildete Krankheit",
denn es wurden im Anfall eine Reihe physiologischer Veränderungen beobachtet.
Beim Anschalten einer Lampe ist für das Brennen des Lichts zunächst der Druck
auf den Schalter maßgeblich, nicht der nachfolgende messbare Elektronenfluss.
Ohne den Druck passiert gar nichts!
Und beim Druck auf den Migräneschalter spielt die Psyche oft eine
entscheidende Rolle!
Eine Psychotherapie kann wesentlich dazu beitragen, Migräneanfälle zu
verhindern und die Krankheitsfolgen erträglich zu gestalten. Verhaltenstherapie,
Stressbewältigung, Entspannungstechniken, Schulung der Körperwahrnehmung,
Ablenkung vom Schmerz, Hinweise auf eventuelle Operante Konditionierung,
Unterstützung durch die Selbsthilfegruppe tragen unter Umständen hervorragend
dazu bei, die Lebensqualität des Einzelnen zu verbessern.
Wer die Migräne auf Transmitterverschiebungen und Änderung der
Durchblutungsverhältnisse im Gehirn reduziert wird vor allem bei der Prophylaxe
Chancen auslassen!
Das
Spektrum psychotherapeutischer Verfahren ist enorm groß, weswegen ich
auch mehrere aufgezählt habe, um den Begriff "Psychotherapie" nicht so
allein im Raum stehen zu lassen. Wer Psychotherapie in Anspruch nimmt
und dies auch so nennt (sei es auch "nur" in Form von
Aufmerksamkeitslenkung oder Stressbewältigung) hat oft mit einem Stigma
zu kämpfen. Vor sich und/oder den Mitmenschen. - Neben den eigentlichen
Beschwerden ein zusätzlicher Stress. Der Ausschluss
psychotherapeutischer Verfahren ("Migräne ist keine psychische
Erkrankung") befreit von diesem Stress und von dem, eigene
Verhaltensweisen überprüfen zu müssen. Und der genervte Arzt erspart
sich viel Arbeit mit komplizierten Klienten, die er nun einfach in
medikamentöse Therapieresponder und Nonresponder einteilen kann.
Inzwischen ja gleich mehrmals hintereinander, bis zum Beispiel sämtliche
Triptane über Monate hinweg durchprobiert sind - wenn sich der Patient
nicht vorher verabschiedet!
Natürlich gibt es viele Betroffene bei denen die Großzahl der
kopfschmerzbegünstigenden Faktoren nicht im psychogenen Bereich liegt, nur
sollte zunächsteinmal und überhaupt die Möglichkeit einer psychischen Belastung
neutral und gleichberechtigt neben anderen Faktoren mitdiskutiert werden dürfen!
Ich wehre mich hier gegen die Meinung: "Der gute Arzt schreibt Triptane auf und
wer andere Präferenzen setzt ist nicht auf der Höhe der wissenschaftlichen
Erkenntnis."
Probleme mit der Therapieakzeptanz haben ja auch Patienten, die für sich ein
bestimmtes Ernährungsregime oder bestimmte Verfahren aus der physikalischen
Therapie als besoders wirksam erkannt zu haben glauben und nicht nur die "Psychos".
Startseite
|
eine Seite zurück |
diese Seite drucken
|
Newsletter
|
Impressum |