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Die Gene, die Gene
Nachfolgende Texte erschienen im Diskussionsforum der Migräneliga.
Sie sind dort im Archiv ebenso nachzulesen wie die sich anschließenden
Erwiderungen anderer Forumsteilnehmer.
Geschrieben von: Andreas
Wie schön wäre es, e i n Migräne-gen zu finden, zu lokalisieren und dann
einfach auszutauschen. Aber kann es dieses eine Gen wirklich geben? Viel zu
verschieden sind die Empfindlichkeiten und Hypersensibilitäten einzelner
Migränepatienten, die dazu führen können, ein Stresspotential aufzubauen.
Schließlich haben diese Gene nicht nur migränefördernden Charakter, sondern
führen bei ihren Besitzern ja auch eventuell zu Eigenschaften wie verbessertem
Geruchs-, Geschmacks-, oder Gehörsinn im Vergleich zum "Durchschnittsmenschen".
Auch sind erhöhte Wettersensibilität, eine gesteigerte Erlebnisfähigkeit sowie
manchmal eine feinere Intuition im Erfassen von Situationen u.
zwischenmenschlichen Spannungen u.U. Eigenschaften, die ihre Besitzer sehr zu
schätzen gelernt haben und die sie in Familie und Beruf ausgesprochen beliebt
(und nützlich) machen. Sind manche dieser Gene vielleicht ein erworbener
Selektionsvorteil für das Leben in der Natur, der sich unter Dauerreizbeschuss
ins Gegenteil umkehrt? Während der Kompaktkuren in Bad Endbach haben wir
jedenfalls mehrere Patienten kennen gelernt, die ganz sicher nicht auf ihr
"gesteigertes Sensorium" verzichten möchten. Die Kunst ist es, sich damit zu
arrangieren und es zu akzeptieren, nicht es zu nivellieren oder auszumerzen!

Damit mich keiner
mißversteht: Seine Gene zu akzeptieren und sich mit ihnen zu arrangieren heißt
für mich nicht, auf Therapie zu verzichten!
Nur halte ich es für extrem unwahrscheinlich, daß man eines Tages 1 oder 2
Gene ausfindig macht, die "an allem Schuld" sein sollen, weshalb ich auch was
die Migräne anbelangt keine Hoffnung in eine Gentherapie - wann immer sie auch
möglich wäre - setze. Da müssen andere Strategien helfen (egal ob medikamentös
oder nichtmedikamentös).
Ein Teil der Strategie kann aber auch sein, seine besonderen Eigenschaften
nicht ausschließlich als "Fluch Gottes und der Ahnen" zu betrachten und mit dem
Schicksal zu hadern, sondern auch den einen oder anderen positiven Aspekt
wahrzunehmen.
Der Bericht eines Betriebsschlossers, der als einziger von 20 Mitarbeitern die
undichte Gasleitung im Keller wahrnahm und damit größtes Unheil verhinderte ist
da eher ein extremes Beispiel.
Für eine andere junge Frau ist ein Spaziergang durch ihren Blumengarten
Lebensqualität pur. Sie vermag dabei zig verschiedene Düfte zu unterscheiden.
Ein Bauer mit dem "Gespür für Regen" hat sicher ebenso gewisse Vorteile, wie
der Wachposten, der seinen Feind 50 m eher zu hören vermag.
Wer weiß schon, welchem seiner Vorfahren die verflixten Gene mal das Überleben
gesichert haben?
Schließlich noch mal zur Therapie (leider ganz platt u. vereinfacht) neben den
Standardempfehlungen: Zu viele Reize meiden, sich eventuell desensibilisieren
bzw. abhärten und falls nicht möglich, den Behandlungsschwerpunkt auf momentan
leichter zu beeinflussende Stressfaktoren u. Kopfschmerzauslöser legen.
Die Gemeinsamkeit der Migräniker ist jedoch nicht die, dass sie alle sehr
sensibel sind, sondern dass sie auf eine bestimmte Reizkonstellation mit der
unspezifischen Reaktion "Migräne" reagieren und nicht mit Herzrasen, Durchfall,
Asthma oder Ischias, was aber auch möglich wäre! Jeder Mensch hat ein bestimmtes
individuelles Reaktionsorgan, das bei Aufregung als erstes anspricht (Prüfungen,
Vorstellungsgespräche u.s.w.). Wieso nun gerade der Kopf beim Einzelnen das
"Reaktionsorgan" wurde, bleibt oft unklar. Manchmal spielt das Elternhaus eine
Rolle, ob über die genetische Disposition direkt oder über erlernte
Verhaltensmuster. Und manchmal wurde der Kopf auf andere Weise erst
sensibilisiert: Eine Hirnhautentzündung, massive Infekte im Hals-,Nasen-,
Ohrenbereich, Verletzungen wie z.B. eine Gehirnerschütterung oder andere
existenzbedrohende Traumata führen dazu, das nachfolgende Ereignisse im
Kopfbereich (wie z.B. Kopfschmerzen) ungleich bedrohlicher erlebt werden und mit
erhöhter Aufmerksamkeit beobachtet werden als eigentlich notwendig. Aufgrund der
schlechten Erfahrung wird der Schwellenwert, ab dem Reize im Kopfbereich
vermehrte Beachtung erlangen herabgesetzt. Je mehr Aufmerksamkeit ein Schmerz
erhält, desto intensiver wird er wahrgenommen. - Ein Patient mit einem
Bandscheibenvorfall in der Vorgeschichte gerät u.U. bei einer kleinen
Rückenverspannung genauso leicht in Panik, wie ein Patient nach Krupphusten und
Asthma bei einer banalen Bronchitis. In beiden Fällen erlebt man häufig deutlich
verlängerte Krankheitsverläufe. - Wieso der Kopf als Hauptreaktionsorgan nun
ausgerechnet bei dem einen mit Migräne, bei dem anderen mit Spannungskopfschmerz
oder Tinnitus o.ä. reagiert ist eine andere Frage.
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