Diskussion
Hormonelle Migräne
Zur Zeit
ihrer Periode sind viele Frauen etwas empfindlicher, verletzbarer, manchmal
gereizter als sonst. Bei einigen tritt bevorzugt zu dieser Zeit eine Migräne
auf. Bei anderen ist auch die Zeit um den Eisprung gehäuft von Migräneattacken
geprägt.
Mit einem Kopfschmerztagebuch kann eine Periodizität ermittelt werden.
Ist dieser Zusammenhang erst einmal erkannt, baut sich vor „den Tagen“ eine
große Spannung auf. Mit ängstlicher und intensiver Selbstbeobachtung wird der
Zeitpunkt des Migräneausbruchs in gedrückter Stimmung erwartet und jede
Veränderung im Kopfbereich wird als möglicher Beginn der Kaskade des Schreckens
fast panisch registriert. Und regelmäßig kommt es dann auch wieder zum Debakel.
Wodurch lässt sich die Periode beeinflussen? – Durch Hormone!
Also werden verschiedene Hormontabletten oder Hormonpflaster (bevorzugt
Östrogene, denn die sinken ja während der Periode) versucht. Versagt diese
Therapie, beginnt manche frustrierte Patientin schon mit Anfang dreißig quasi
dem Senium (Greisenalter) entgegen zu fiebern. Andere erwägen sogar eine
Hysterektomie (Gebärmutterentfernung) o.ä. -
Bei manchen Frauen wird diese Hormonschwankung bestimmt der Hauptfaktor unter
den kopfschmerzauslösenden oder – begünstigenden Ursachen sein. Bei anderen aber
– und die bekommen auch außerhalb der Periode Migräne - ist der hormonelle
Faktor nur einer unter mehreren, der allerdings aufgrund der Fixierung mittels
Tagebuch und der ängstlich besetzten Aufmerksamkeitslenkung auf den Tag X in
seiner Wirkung und damit Macht über die Patientin maßlos überhöht wird.
Hat jemand zusätzlich mehrere größere kopfschmerzbegünstigende Faktoren, wie
Stress unterschiedlicher Art, Wirbelsäulenprobleme oder sensorische
Überempfindlichkeiten u.s.w., dann reicht unter Umständen ein bisschen
hormonelle Schwankung und ein bisschen größere Empfindlichkeit aus, um das Fass
zum Überlaufen zu bringen und einen Migräneanfall auszulösen. Und oft kann über
eine Beeinflussung dieser Faktoren, verbunden mit eher positiver Entspannung vor
den Tagen und entsprechender Ablenkung auch bei der hormonellen Migräne eine
Linderung erreicht werden. Schließlich noch ein Beispiel, um die Bedeutung der
Aufmerksamkeitslenkung zu belegen: Hält man seine Hand in einen Eimer mit
Eiswasser und beobachtet den Vorgang genau, dann zieht man die Hand im
Durchschnitt nach 100 Sekunden wegen der Schmerzen aus dem Wasser. Lenkt man
sich bei dem Experiment selbst ab, dann setzt der unerträgliche Schmerz erst
nach 120 Sekunden ein. Beim gleichzeitigen Betrachten von Dias hält der Proband
gar 200 Sekunden aus!
Der Versuch wurde leider nicht mit einem „James Bond- Film“ weiterverfolgt.
In dem obigen Beitrag
geht es um drei Punkte:
- Eine hormonelle Migräne ist besonders schwierig zu behandeln. Eine Rolle
spielt dabei, dass man sehr auf den Auslöser „Periode“ fixiert ist und dass
der Kopf in der Zeit vor der Periode bereits stark in den Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit gerückt wird. Dadurch wird ein eintretender Kopfschmerz
stärker und intensiver erlebt als normal.
- Manch eine „hormonelle
Migräne“ müsste eher „Nacken- oder Stressmigräne mit hormonellem Auslöser“
genannt werden. Daher versagt eine rein hormonell ausgerichtete
Behandlungsstrategie oft, wenn nicht gleichzeitig massive
Dauerbelastungsfaktoren mitbehandelt werden.
- Es kann für
Patientinnen, bei denen Punkt 2 zutrifft, außer einer Hormontherapie
durchaus noch andere sinnvolle Behandlungsoptionen geben.
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